Die Plattformökonomie braucht echten Teamgeist

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Die Digitalisierung verändert nicht nur die Produktion, sie führt auch zu ganz neuen Geschäftsmodellen. Auch in Traditionsbranchen wie dem Maschinenbau wird die Plattformökonomie verankert. Erfolg ist aber nur möglich, wenn dieser Wandel im Unternehmen nicht als reines IT-Projekt gesehen wird. Die Plattformökonomie braucht echten Teamgeist, der Einzelkämpfer hat ausgedient.

Gute Geschäfte macht nur, wer dem Kunden echten Nutzen stiftet. Dieser Leitsatz gilt für die „old economy“ ebenso wie für die neue, zunehmend von Algorithmen gesteuerte Verbindung von Hersteller und Käufer. Auch die Betreiber von Plattformen im B2B-Geschäft müssen sich darauf fokussieren, die Bedürfnisse ihrer Nutzer möglichst umfassend und individuell zu erfüllen. Nur wenn der Plattformnutzer ein Angebot vorfindet, welches einen großen Teil der von ihm alltäglich benötigten Produkte und Dienstleistungen beinhaltet, bringt eine Plattform den Mehrwert, der eine Kundenbindung erzeugt. Das gilt für Amazon und Alibaba ebenso wie für industrielle Plattformen wie Siemens Mindsphere, AXOOM oder adamos.

 

Unternehmen, die sich auf die Plattformökonomie einlassen, müssen sich weiterentwickeln: vom klassischen Produktanbieter zum Teil eines Wertschöpfungsnetzwerkes. Sie müssen über ihr traditionelles Produktportfolio hinaus einerseits Produkte und Dienstleistungen in Partnerschaft mit anderen anbieten, sich andererseits aber bewusst und offen dem marktwirtschaftlichen Wettbewerb stellen. „Wenn wir Mehrwertdienste anbieten wollen, können wir unseren Kunden nicht nur unsere Maschinen anbieten, sondern müssen auch Maschinen und Dienstleistungen von anderen Marktteilnehmern anbieten, damit der Kunde nicht auf unterschiedliche Plattformen muss“, sagt Ernst Esslinger von HOMAG.

Ernst Esslinger, HOMAG, erklärt, weshalb sich HOMAG dafür entschieden hat, sich mit Wettbewerbern auf einer Plattform zu positionieren.

 

In diesem Zusammenhang verändern sich auch Führungsrollen im Unternehmen. Der klassische Abteilungs- und Bereichsleiter wird zu einer Art Dirigent, der ein ganzes Ökosystem rund um Plattformen orchestrieren muss, kollaborativ und über Unternehmensgrenzen hinweg. Das Ziel ist hierbei, Daten- und Serviceorientierte Geschäftsmodelle zu gestalten, welche einen Mehrwert für alle beteiligten Partner generieren. Auf diese Weise wird das gesamte Ökosystem gestärkt und das eigene Unternehmen nachhaltig positioniert.

Oftmals haben Unternehmen Bedenken, was die Security bei Plattformen betrifft, die über das Internet angeboten werden. Hierfür gibt es ganzheitliche Lösungen, die von der Anlage über die Plattform bis hin in die Cloud alles absichern. Aus diesem Grund sind Softwareanbieter in der Lage, alles zu analysieren, beispielsweise auch Bedrohungsszenarien. Diese spielt man an den Maschinenbauer in Form von Analyse und Optimierungsmodellen zurück. „Deshalb ist es gerade mit dem Internet auf der Plattform sicher“, erklärt Sebastian Seutter von Microsoft Deutschland.

Sebastian Seutter, Microsoft, schildert, weshalb Plattformen, die über das Internet angeboten werden, sicher sind. 

Dieser Paradigmenwechsel erfordert insbesondere nach innen eine hohe Aufmerksamkeit und bewusstes Teammanagement. Die klassische Aufteilung – hier die Produktion, dort der Vertrieb – hat in der Plattformökonomie ausgedient. Das Produkt wird über seinen ganzen Zyklus hinweg zu einer Teamleistung, in die viele Bereiche eingebunden werden müssen, die bislang nur Stützleistungen innerhalb der eigentlichen Wertschöpfung erbracht haben. So bieten zum Beispiel die digitalen Möglichkeiten zur Regulierung von Forderungen völlig neue Gestaltungsmöglichkeiten einer Geschäftsbeziehung. Dies kann zu einem Alleinstellungsmerkmal im täglichen Austausch mit den Kunden werden. In derartige Prozesse müssen Mitarbeiter mitgenommen und integriert werden, ein kollaborativer Führungsstil ist in diesem Kontext unverzichtbar.

Für den Erfolg kollaborativer, vernetzter Geschäftsmodelle sind Konnektivität und Interoperabilität grundlegende Voraussetzungen. Dies betrifft jedoch nicht nur die technische Ausprägung der Netzwerke. Die Vernetzung beginnt vielmehr bei den Menschen, bei den beteiligten Mitarbeitern. 

 

"Die Vernetzung beginnt bei den Menschen, bei den beteiligten Mitarbeitern.“

Mitarbeiter werden abgeholt, Wissen wird geteilt, viel mehr Menschen im Betrieb müssen wissen, was durch die Digitalisierung mit dem Unternehmen und über dessen Grenzen hinaus im Wertschöpfungsnetzwerk passiert. Die Beteiligten müssen verstehen, wie die Abläufe einer Plattformökonomie funktionieren, um ihr eigenes Handeln optimal abzustimmen und Input für mögliche Verbesserungen einzubringen. Einzelkämpfer sind chancenlos, das funktionierende Team ist entscheidend für den Erfolg.

Sebastian Seutter, Microsoft, zum Thema Datensicherheit und die Vertragsgestaltung 

 

Deshalb ist ein gutes Projektteam für den Aufbau einer Plattformökonomie im Unternehmen auch entscheidend für den Projekterfolg. Die gemeinsame Lösung wird dabei von einem Team erarbeitet, das aufgabenorientiert zusammenarbeitet und in der Lage ist, sich schnellen Veränderungen in Technik oder Marktvolatilität agil anzupassen. Offene Kommunikation, klare Zielsetzungen, transparente Arbeitsmethoden und ein starker Teamgeist fördern dabei den Projekterfolg. Die Plattformökonomie muss den bewährten Regeln des Change Managements folgen, um schnell und nachhaltig zum Erfolg zu werden.

„Der VDMA unterstützt seine Mitglieder bei Plattformökonomie und veröffentlicht dieses Jahr ein neues Whitepaper.“

Zur Unterstützung seiner Mitglieder beim Thema Plattformökonomie hat der VDMA im vergangenen Jahr einen Expertenkreis Plattformökonomie gegründet und eine Studie gemeinsam mit der Deutschen Messe und Roland Berger veröffentlicht. Die Teilnehmer des Arbeitskreises sind Unternehmen, die bereits profunde Erfahrung gesammelt und zum überwiegenden Teil auch bereits Plattformlösungen auf dem Markt etabliert haben. Somit ist bereits ein breites Expertenwissen vorhanden.

Expertise erweitern

Der Arbeitskreis soll einerseits dazu dienen, dass die Teilnehmer Erfahrungen und „Best Practices“ untereinander austauschen und so ihre Expertise erweitern. Zum anderen soll konsolidiertes Erfahrungswissen gesammelt und publiziert werden, welches Anfängern auf diesem Gebiet die ersten Schritte zu einer eigenen Plattformlösung leichter macht. In diesem Jahr wird der VDMA ein Whitepaper veröffentlichen, welches anschaulich am Beispiel geglückter Projekte Orientierung bieten wird. Dr. Julia Duwe von TRUMPF Werkzeugmaschinen GmbH & Co. KG und Ernst Esslinger von HOMAG arbeiten unter anderem an dem Papier. Ziel ist es, potentielle Anwender möglichst praxisnah abzuholen. Dabei werden zwei essentielle Inhaltspunkte in dem Whitepaper behandelt: Die notwendige Veränderung in der Unternehmenskultur sowie Strategien und Erfahrungen zur Monetarisierung. Maßgebliche Methodenbausteine werden praxisnah erklärt und durch Erfahrungen von Unternehmensvertretern, welche die ersten Schritte zur Plattformökonomie bereits vollzogen haben, anschaulich illustriert. „Um Plattformökonomie erfolgreich zu gestalten, muss immer die Sicht des Kunden im Mittelpunkt stehen“, sagt Ernst Esslinger. Insbesondere ist darauf zu achten, dass 

  • das Angebot für den Nutzer umfassend und transparent ist.
  • ein schneller Mehrwert für den Kunden entsteht.
  • ein einfacher, niedrigschwelliger Zugang zur Plattform möglich ist.

„Plattformunternehmen legen größeren Wert auf die Lenkung des Ökosystems, als auf die Produktoptimierung“ zitiert Dr. Julia Duwe den Wissenschaftler Geoffrey G. Parker.
Neben der Veröffentlichung des Whitepapers sind zentrale Informationsveranstaltungen sowie Erfahrungsaustausche in Unternehmen aus dem Expertenkreis im VDMA geplant.

 

Studie Plattformökonomie im Maschinenbau

Für die Studie „Plattformökonomie im Maschinenbau: Chancen – Herausforderungen – Handlungsoptionen“ haben im Jahr 2018 der VDMA, die Deutsche Messe und Roland Berger die Plattformökonomie im deutschen Maschinen- und Anlagenbau untersucht. Zum Kreis der 15 VDMA-Mitglieder, die an mehreren Workshops und Diskussionsrunden teilgenommen haben, zählten Firmen aller Größenklassen und Wertschöpfungsstufen vom Mittelständler bis zum Blue-Chip-Unternehmen, der klassische Maschinen- und Anlagenbauer ebenso wie Anbieter aus den Bereichen Fabrikautomation und Softwarelösungen. Alle Unternehmen hatten zum Zeitpunkt der Untersuchung bereits relevante Erfahrungen mit Plattformen gesammelt – sei es beim Aufbau, in der Frühphase des Betriebs oder als Nutzer – und konnten dadurch jeweils unterschiedliche Perspektiven einbringen.

Die Untersuchung bildet die erste umfassende Analyse der Strukturen plattformbasierter Geschäftsmodelle im B2B-Segment und speziell im Maschinen- und Anlagenbau. Neben einer verständlichen Einordnung des Themas Plattformökonomie im Maschinen- und Anlagenbau soll sie als Leitfaden für unternehmerische Entscheidungen dienen.

Die Studie Plattformökonomie ist auf Deutsch und Englisch erhältlich.

Die nächste Veranstaltung wird vom Kompetenznetz ProduktionNRW angeboten und findet am 23. Mai 2019 in Essen, Nordrhein-Westfalen, statt.